Startseite  Bericht ambulantes Hospiz

Ich heiße Ingrid Schindler, wohne in Göppingen und bin seit fast 10 Jahren in der Hospizarbeit tätig. Hospizarbeit bedeutet für mich, dem Sterbenden in der letzten Phase seines Lebens nahe zu sein, ihn bis zu seinem letzten Atemzug zu schätzen und zu achten und die Angehörigen zu entlasten.

Gerade die Angehörigen befinden sich oft in einer besonders schwierigen Situation: Mangel an Schlaf, an Zeit, eine gewisse Machtlosigkeit im Hinblick auf den bevorstehenden Tod des geliebten Menschen, Schuldgefühle, familiäre Konflikte und bei all dem muss der Tagesablauf weitergehen.


Die Zeit des Sterbens kann sich über Wochen und Monate erstrecken und sie ist immer eine Zeit des Abschiednehmens für den Sterbenden und seine Angehörigen. Diese Zeit des Abschiednehmens mit all den Ängsten und Fragen wird erträglicher wenn jemand Anteil nimmt: unvoreingenommen, ohne Vorhaltungen, ohne Erwartung, wertfrei!

Sterbebegleitung bedeutet für mich auch, dass der Sterbende die Gelegenheit bekommt, Rückschau zu halten, Höhen und Tiefen seines Lebens zur Sprache zu bringen, vielleicht aufzuarbeiten und dann abzuschließen.

Mein letzter Einsatz, der kürzlich erst zu Ende ging, zeigte mir, wie viele Enttäuschungen aufgearbeitet werden müssen, aber auch wie viel Erfreuliches noch mitgeteilt werden will, wie wichtig es für den Sterbenden ist, jemand teilhaben lassen zu können an dem, was ihm im Leben so viel bedeutet hat und wovon es jetzt gilt ein für allemal Abschied zu nehmen.
Dieser Einsatz dauerte 2 Monate. Die Patientin schien noch mal richtig aufzuleben. Während der Zeiten an ihrem Bett hielt sie meine Hand fest, führte mich zu besonders schönen Urlaubsorten, gab besondere Kochtipps preis und gab allerlei gute Ratschläge fürs Leben.

Manchmal traten letzte Wünsche und Sehnsüchte zutage:

- Ach, wenn ich doch noch einmal was gutes Kochen könnte

- Ich würde so gerne noch einmal nach Südtirol gehen, aber ich glaub das schaff ich nicht mehr

- Frau Schindler, ich würde so gern noch mit jemand so richtig Italienisch sprechen.

Wenigstens diesen Wunsch konnte ihr mein Mann noch 2 Wochen vor ihrem Tode erfüllen.

Es war ihr wichtig, dass ich an ihrem Leben und an ihrem Sterben teilnahm. Sie sagte jedes Mal: ich bin so froh, dass Sie kommen, dass ich jemanden hab, der mir zuhört, der Zeit und Interesse hat.

1-2 Wochen vor ihrem Tod wollte sie nur noch meine Hand halten und ich empfand, dass sie dabei war loszulassen.

Ich war dankbar, dass der Hospizeinsatz so rechtzeitig zustande gekommen war, dass die Patientin ihre persönlichen Bedürfnisse noch äußern konnte.

In der Endphase nahm ich von zu Hause aus verstärkt telefonischen Kontakt zur Tochter auf, um sie auf diese Weise in die Begleitung miteinzubeziehen. Sie wohnte mehrere 100 km von Göppingen entfernt. Den Transport in ein Pflegeheim in ihrer Nähe hätte die Mutter nicht überstanden.

Nach der Trauerfeier sagte die Tochter: ich weiß nicht wie ich die Trennung von meiner Mutter durchgestanden hätte, wenn ich nicht durch Zufall von der Möglichkeit eines Hospizeinsatzes erfahren hätte.